In der Welt
zu Hause.

29.08.-06.09.2020

28.08.2020 Fachbesuchertag

Reisen mit dem 47 Jahre alten LKW „Herman“

Der Diplom Mediengestalter Micha und die (ehemalige) Tierarzthelferin Sabine leben ein ortsunabhängiges Leben. Gemeinsam mit ihrem selbst ausgebauten 47 Jahre alten LKW „Herman“ bereisen sie seit über drei Jahren die Welt. In unserem Interview sprechen Sie über die Höhen und Tiefen der „Entschleunigung“, die Vor- und Nachteile als Leben eines Digitalnomaden und teilen ihre schönsten Reiseerfahrungen. Viel Spaß beim Lesen!

 

Wie alles begann

Wie sah euer Leben vor 10 Jahren aus?

Vor 10 Jahren sah unser Leben ziemlich normal aus. Micha hatte eine gute Stelle in einer Kölner Werbeagentur und Sabine arbeitete als Tierarzthelferin. In unseren Urlauben unternahmen wir Roadtrips mit dem PKW oder VW Bus. Dass wir einmal in einem LKW leben würden und keine festen Jobs mehr haben, hätten wir uns damals nicht im Traum vorstellen können.

Wie kam es dazu, dass ihr euch dazu entschlossen habt, ein ortsunabhängiges Leben zu führen?

Wir hätten unsere kurzen Urlaubs Roadtrips schon immer gerne ausgedehnt – uns die Zeit genommen, Länder richtig kennen zu lernen, statt nur hindurch zu hasten und das natürlich gerne auch in weit entfernten Teilen der Welt. Wie wir das anstellen sollten, konnten wir uns damals aber nicht im Entferntesten vorstellen.

In Südfrankreich lernten wir dann ein Paar mit einem alten Reise LKW kennen. Die beiden erzählten uns von einem Treffen für Globetrotter, bei dem alljährlich Reisende mit teils sehr individuellen Fahrzeugen zusammenkommen. Wir folgten ihrer Empfehlung und ab sofort war es um uns geschehen: Dort trafen wir auf Menschen, die es geschafft haben, aus dem normalen Tagesrhythmus auszusteigen und dauerhaft unterwegs zu sein. Der Virus hatte uns infiziert. Ab sofort spannen wir täglich so lange neue Ideen, bis wir irgendwann einen Plan hatten, wie auch wir es hinkriegen könnten. Klar: Wohnung und Jobs zu kündigen und in einen 45 Jahre alten LKW zu ziehen erschien auch uns als ein gewisses Wagnis – aber wir wollten später einmal nicht sagen müssen, wir hätten es nicht wenigstens probiert.

Wie viele Tage im Jahr seid ihr in der Regel in eurer Heimat?

Im Moment machen wir es noch so, dass wir die Sommer in Deutschland verbringen. Das ergibt sich ein bisschen aus Besuchen von Treffen und Messen, die mit zu unserem Job gehören. In absehbarer Zukunft werden wir aber auch ganzjährig unterwegs sein. 

Was vermisst ihr am meisten an Deutschland?

Ganz ehrlich: Eigentlich vermissen wir nie etwas, wenn wir unterwegs sind! Das Internet überbrückt sogar einigermaßen gut die Distanz zu Familie und Freunden, sodass wir, Skype sei Dank, an Weihnachten sogar am traditionellen Schrottwichteln mit der Familie teilnehmen können.

Durch das Reisen in unserem eigenen Zuhause fühlen wir uns überall recht schnell wohl und heimisch. Bei keiner anderen Reiseform könnten wir uns das so gut vorstellen. Mit einem Wohnmobil nimmt man einfach immer ein Stück Zuhause mit und wenn nötig, kann man sich auch mal ein Kehrpaket schicken lassen, wenn man die hausgemachte Marmelade von Oma doch zu sehr vermisst.

 

 

Eure Erfahrungen

Ihr reist zu zweit in einem sehr alten LKW. Was sind die Vor- und Nachteile?

Der große Vorteil an einem so alten LKW ist die überschaubare Technik. Wir können daran alles selber reparieren und das ganz ohne begnadete Schrauber zu sein. Sogar den Motor haben wir unter Anleitung schon selbst generalüberholt.

Unsere Reiseziele sollen uns zum Beispiel auch in die Weiten der Mongolei und Kasachstans oder Südamerikas führen – wenn hier komplizierte, moderne Technik den Geist aufgibt, kann es blöd werden. So einen alten LKW dagegen kriegt man irgendwie immer wieder zum Laufen. Gerade haben wir auf einem portugiesischen Campingplatz eine gebrochene Antriebsachse und das hintere Differenzial ausgetauscht. Das Vorgehen war wieder selbsterklärend.

Auf der anderen Seite wird mit fortschreitendem Alter des Fahrzeugs diese Selbsthilfe auch zur Pflicht. Keine moderne Werkstatt in Mitteleuropa traut sich Heut zu Tage noch an solche Kisten heran, das Wissen darüber ist verloren gegangen. Hier hilft es nur, sich mit Gleichgesinnten und alten Schraubern zusammen zu tun und zu lernen, so viel man kann. Das mag manchmal sehr anstrengend sein, erweitert aber ungemein das technische Verständnis und die Fingerfertigkeit. Und es gibt Sicherheit beim Reisen, wenn man sein Fahrzeug so genau kennt.

 

 

Wenn ihr es euch aussuchen könntet: mit welchem „Mobil“ würdet ihr am liebsten Reisen?

Unser LKW dürfte ein paar Jahre jünger und nicht so ein exotisches Modell sein, damit die Ersatzteilversorgung einfacher ist. Und gegen eine stärkere Motorisierung mit Turbolader hätten wir nichts einzuwenden. Hermans Motor dürfte mit einer Andenüberquerung doch einigermaßen überfordert sein. Spätestens vor der Verschiffung nach Südamerika müssen wir uns da noch was einfallen lassen! 😉

Was war die schlechteste Erfahrung die ihr je gemacht habt?

Ganz ehrlich: Auch mit Nachdenken fällt uns da nichts ein. Bislang haben wir nur gute Erfahrungen gemacht.

Was war euer größtes Erfolgserlebnis als „Aussteiger“?

Unser größter Erfolg ist es, dauerhaft unterwegs sein zu können, ohne Aussteiger sein zu müssen. Der Begriff wird ja meist damit in Verbindung gebracht, dass man nicht wirklich einer Arbeit nachgeht, die Geld einbringt, sondern sich irgendwie anders versorgt. Das ist bei uns ganz und gar nicht der Fall. Wir haben einfach nur unseren Arbeitsplatz in den LKW verlagert und verdienen unser Geld von unterwegs. Wir machen Werbung, entwerfen Logos, bauen Homepages, auch YouTube ist eine ansehnliche Einnahmequelle geworden. Es tatsächlich hinzukriegen, auf diese Art unseren Lebensunterhalt zu bestreiten, ist für uns wirklich der größte Erfolg und gleichzeitig die schönste Arbeit, die wir uns vorstellen können.

 

 

Reisetipps

Was ist euer persönliches Lieblings-Reiseziel und warum?

Bisher steht Marokko auf Platz 1 unserer persönlichen Länder-Topliste. Wir haben dort die Wüste lieben gelernt. Dachten wir doch immer, dass eine Landschaft in der so gut wie nichts wächst total eintönig und schon nach kurzer Zeit langweilig sein würde, haben wir festgestellt, dass wir uns an dem Anblick überhaupt nicht satt sehen können. Außerdem ist es in Marokko kein Problem, diese Landschaft zu genießen und einfach so lange man mag darin zu campen. Klar: Für Stellplätze wie wir sie mögen, braucht das Mobil Allrad, Bodenfreiheit und Drehmoment. Man sollte außerdem genügend Wasserreserven usw. an Bord haben, um ein Weilchen autark sein zu können – deswegen lieben wir das Unterwegs sein im Allrad LKW.

 

 

Plant ihr eure Touren noch oder fahrt ihr einfach drauf los?

Einfach drauf los fahren haben wir ausprobiert – und festgestellt, dass man dann unwissend an den tollsten Plätzen einfach vorbei fährt und einem das Beste entgeht. Seit dem bereiten wir unsere Touren gerne vor und sehen uns bei Google Maps an, was die Umgebung so hergibt.

 

 

„Herman unterwegs“ und das Arbeiten von unterwegs

Wie bekommt man Arbeiten und Reisen von unterwegs unter einen Hut und was sind dabei die größten Vorteile und/ oder Herausforderungen?

Arbeit und Reise unter einen Hut zu bekommen ist wirklich (für uns) gar nicht so einfach. Um produktiv sein zu können, braucht man eine gewisse Konzentration, die man nicht nach einem Fahrtag hat und auch nicht, wenn man gerade in einer tollen, neuen Umgebung angekommen ist. Da sich Arbeit und Freizeit bei uns stark überschneiden, ist es schwierig, einen „Feierabend“ zu definieren. So arbeiten wir oft bis spät in die Nacht und merken irgendwann, dass man sich den Tag oder die Woche gezielt strukturieren muss – fast, als würde man einer „normalen“ Arbeit nachgehen, um auf der einen Seite produktiv zu sein und auf der anderen Seite auch noch Freizeit zu haben.

Was könnt ihr (oder nicht) empfehlen, wenn jemand mit dem Gedanke spielt, einen ähnlichen Lebensstil zu beginnen?

Wir können empfehlen, dass man sich zu dem Glauben hinreißen lässt, die ganzen, tollen Instagram Fotos der digitalen Nomaden vom Arbeiten am Strand seien der normale Arbeitsalltag. Sich eine solche Selbstständigkeit aufzubauen bedeutet richtig viel Arbeit und bis Geld reinkommt wird es eine ganze Weile dauern. Wir haben viele Reisende, die von unterwegs ihre Brötchen verdienen als Freunde und wir sehen bei allen das gleiche Bild: Will man es wirklich schaffen, und sich ein dauerhaftes online Einkommen aufbauen, verbringt man viel Zeit in der Nähe des nächsten Funkmastes für gutes Internet, statt am Strand!

 

 

 

„Herman unterwegs“ beim Caravan Salon

Ihr seid fleißige Besucher des Caravan Salon. Werdet ihr dieses Jahr wieder am Start sein?

Natürlich sind wir wieder dabei! Der Caravan Salon ist einer der wichtigsten Termine des Jahres, um in der Reisemobil und Caravan Szene auf dem Laufenden zu bleiben. Die Messe ist so vielfältig, dass es eigentlich nie langweilig wird, weil sich der eigene Interessenschwerpunkt vielleicht auch von Jahr zu Jahr ein wenig ändert. Außerdem treffen wir beim Caravan Salon immer auf zahlreiche unsere Blogger Kollegen und haben so die Gelegenheit zu einem spannenden Austausch in toller Athmosphäre auf dem in dieser Zeit größten Stellplatz der Welt.

Was gefällt euch an der Messe am meistenund warum sollte man aus euer Sicht unbedingt hin?

Beim Caravan Salon ist es einfach egal, für welche Art des Campens im Caravan oder Reisemobil man sich interessiert – die Messe ist nicht umsonst die größte ihrer Art und hier findet einfach jeder einen Bereich, der für ihn spannend ist. Vom Dachzelt für den Mini Camper bis zum riesigen Expeditionsmobil. Die Vielfalt macht diese Messe einfach einzigartig!

 

 

 

Was wir in Zukunft von euch erwarten können

Wo seid ihr aktuell unterwegs und wo geht’s als nächstes hin?

Wir schreiben diese Zeilen hier auf der italienischen Autobahn bei Milano und stehen dabei gerade im Stau. Unsere Route führt uns jetzt zur Fähre in Livorno von wo wir zuerst Sardinien und dann Korsika unter die Reifen nehmen wollen.

Was ist euer größtes Ziel/ euer größter Traum den ihr euch noch erfüllen möchtet?

Ein großer Traum ist es, einmal von Alaska bis Feuerland zu fahren. Dabei wollen wir aber nicht einfach nur „geradeaus runter“, sondern uns ganz viel Zeit dafür nehmen und die Länder eher in „Schlangenlinien“ bereisen. All zu lange werden wir damit auch nicht mehr warten! 🙂

 

Vielen Dank für das Interview sowie die ausführlichen Einblicke in euren Alltag und die vielen nützlichen Erfahrungen die ihr geteilt habt. Wir wünschen euch frohes Reisen und freuen uns auf euren nächsten Beitrag, vielleicht zum Thema „autarkes Wohnmobil“ 😉

 

Linktipps:

„Herman unterwegs“ Blog

„Herman unterwegs“ bei YouTube

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