In der Welt
zu Hause.

31.08.-08.09.2019

30.08.2019 Fachbesuchertag

Freiheit und Sicherheit – ein Widerspruch?!

Mathis erklärt in seinem Bericht, wieso Freiheit und Sicherheit widersprüchlich sein können – und inwiefern sein Bus beides vereinen konnte.

Ich denke, dass in jedem Menschen ein Träumer steckt. Nicht nur, weil es für mich einfach dazugehört, in seinem Leben Träume zu haben, sondern auch, weil jeder Mensch schon einmal in einer Situation gesteckt hat, in der er sich eingeengt gefühlt hat. Sei es im Beruf, in der Schule oder sogar in einer Beziehung: in jedem von uns schlummert dieser Wunsch nach Freiheit, der in bestimmten Situationen hervorbrechen kann.

So auch bei mir, als ich in der Zehnten Klasse des Lateinunterrichts saß. Das Klassenzimmer, das in der drückenden Hitze köchelt, die Lehrer, die einem ständig auf die Finger schauen, das kratzen der Stifte auf dem Papier – ich wünschte mir, das ganze sei schon jetzt vorbei, und nicht erst in zwei Jahren.

Wie weit kann ich mit einem Auto in den zwei Schulstunden fahren, die ich hier so unnötigerweise verbringe? Zu Unterrichtsschluss hätte ich wohl bereits die französische Grenze überquert. Wie es da wohl jetzt gerade aussieht? Nur 200 Kilometer entfernt, aber doch in einem ganz anderen Land? Immer wieder haben solche Gedanken den 16-Jährigen Schüler heimgesucht, der – ohne Führerschein, ohne Auto und ohne Geld – die Schulbank drückt.

Ich war nie besonders viel im Urlaub. Die weiteste Reise mit meinen Eltern wird wohl irgendwo an die französische Atlantikküste gewesen sein – und mit dem Wohnmobil war ich sowieso noch nie unterwegs gewesen. Trotzdem kristallisierte sich aus dem Bedürfnis nach Freiheit in den nächsten Jahren eine immer genauere Vorstellung heraus, die dann zu einem Plan wurde. Und dann zur Realität.
Am 28. März 2016 stand er dann vor mir: Lila getönte Scheiben, rostig, frei von jeglichem Schnick-Schnack wie ABS, Airbags, funktionierenden Bremsen oder TÜV. Trotzdem wird mir dieser Tag als einer der besten meines Lebens in Erinnerung bleiben.

Die neu gewonnene Freiheit nach dem Abitur nutzte ich, um mich Hals über Kopf in dieses Projekt zu stürzen. Und wie es so mit den Träumen ist, funktionierte nichts einfach so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Diesen Idealismus, alles würde bestimmt schnell und einfach gehen, kann man nur ausgleichen, indem man härter und mehr an seinen Plänen arbeitet, als man zuvor angenommen hatte.

Sechs Monate dauerte es, bis mein Bus bereit zur Abfahrt war. Ich war 19 Jahre alt und mein Bus immer noch 2 Jahre älter als ich. Bisher war ich sehr gut mit der Freiheit zurechtgekommen: Ich hatte ein Ziel, auf das Ich in dieser Zeit hinarbeiten konnte, und schließlich hatte ich es erreicht. Was für ein unglaubliches Gefühl!

Nur selten habe ich mich an den entspannten und geregelten Schulalltag zurückerinnert, wenn ich mal wieder um 2 Uhr morgens bei minusgraden unter meinem Bus lag. Wer auf der Suche nach der Freiheit ist, muss eben seine Komfortzone verlassen. Am meisten merkte ich das, als die Reise dann schließlich losging.

Zum ersten mal irgendwo auf einem Waldparkplatz frei zu stehen und die Nacht zu verbringen, fühlte sich komisch an. Es war zwar mindestens so aufregend, wie ich mir das vorgestellt hatte, aber an viel Schlaf war in dieser Situation nicht zu denken. Ich war zwar frei – fühlte mich aber auch ein Stück weit unsicher.

Zur Freiheit gehörte für mich auch dazu, alleine zu reisen. Alleine kann man seine Spontanität maximal ausleben. Abbiegen, wohin man will. Übernachten, wo man will.

Dass ich der Freiheit einen zu hohen Stellenwert eingeräumt hatte, habe ich bemerkt, als ich 5 Tage lang in den Vogesen herumgefahren bin, und mit keiner Menschenseele auch nur ein Wort gewechselt habe. Sicherheit gehört genauso zu den Grundbedürfnissen wie Freiheit. Und sich mit jemandem über den weiteren Routenverlauf, zwielichte Stellplätze und interessante Orte auszutauschen kann enorm viel Sicherheit geben.

Schuld an dieser Fehleinschätzung war aber ganz sicher nicht der Bus oder das „Vanlife“-Konzept, sondern nur die Art und Weise, wie ich das ganze angegangen bin. Denn der Bus schafft es tatsächlich, Freiheit und Sicherheit auf eine einzigartige Weise zu verbinden.

Ich habe die Freiheit, übers Wochenende in die Berge zu fahren, muss es aber nicht. Schon oft habe ich spontane Kurztips, alleine oder mit Freunden, unternommen, weil mir gerade danach war. Ich habe über die Community der Bus-Begeisterten tolle neue Bekanntschaften gemacht, die mit der Zeit zu Freundschaften wurden. Und vor allem gibt mir der Bus die eine Sicherheit: Wenn wirklich alles schief geht, ich zum Beispiel aus der Wohnung geworfen werde oder kein Geld mehr habe, stellt der Bus nicht nur ein Reisemittel, sondern auch eine Möglichkeit, günstig und gut zu leben dar.

Der Konflikt zwischen Freiheit und Sicherheit ist nur einer von vielen Gedanken, die ich in meinem im Januar erschienenen Buch „Mein Bulli-Projekt“ noch näher und persönlicher erläutere.

Vielleicht spielst du ja auch mit dem Gedanken, dir einen Bus zuzulegen oder suchst nach neuen Ideen, deinen Bus oder deine Reise zu gestalten. Ich hoffe, ich konnte dich ein wenig neugierig machen, und vielleicht erkennt sich ja sogar der ein oder andere in meinen Überlegungen wieder.

-Mathis

Am 21. Januar 2019 ist Mathis‘ erstes Buch „Mein Bulli-Projekt“ erschienen. Darin erzählt er, wie er einen schrottreifen VW-Bus zu einem abenteuertauglichen Camping-Bulli ausgebaut hat.

Er gibt ausführliche Tipps und Tricks für den Selbstausbau und die Kosten. Alle, die ebenfalls einen Selbstausbau planen, haben damit einen guten Leitfaden an der Hand.

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